Blick über den Kirchturm: Ostheim

Der Hingucker für 2020 in der Kirchenburg:

Aus unserer Nachbargemeinde Ostheim erreichte uns folgender Bericht:
„Es soll groß werden, soll ein Hingucker sein und soll mindestens ein Jahr in der Kirche stehen. Die Konfs könnten es bauen…“ Das war zunächst nur die Idee von Michael Dietz, Jugendbeauftragter im KV, und Gemeinde-pädagoge Stefan Wurth.
In einer freiwilligen Aktion sollte  ein „Konfirmanden- Kirchen-Ding“ entstehen und zum 400-jährigen Jubiläum.... in der Kirche St.Michael stehen... Mit dieser Zielsetzung fragten beide im Frühsommer 2019 die Konfirmandengruppe der evangelischen Kirchengemeinde an. Und es wurde was Großes draus. Denn tatsächlich meldete sich die Mehrzahl der Jugendlichen und wollte bei dem noch ganz unbestimmten Projekt mitmachen. Also konnte geplant werden. Mit der Ostheimerin Kerstin Sporck, frisch gebackene Absolventin der Holzbildhauerschule in Bischofsheim, wurde eine jüngere Mitarbeiterin gewonnen. Sie stieg künstlerisch-handwerklich versiert und mit Bezug zur Kirchengemeinde in das Projekt ein.

Der Bautrupp war vollständig. Blieben noch die Finanzen zu klären. Und siehe da: Durch die unkomplizierte Unterstützung der Kulturagentur des Landkreises und mit mehreren großzügigen privaten Spenden konnte der finanzielle Rahmen gesichert werden. Also trafen sich alle Mitwirkenden Ende Juli 2019 zum ersten Mal, um sich kennen zu lernen und eine gemeinsame Idee zu entwickeln. Ein erstes kreatives Gemeinschaftswerk aus Töpferton ließ das Wir-Gefühl wachsen. Dann fiel bald der Blick auf einen „patenten“ Bauplan: die „Da-Vinci-Brücke“. Ganz ohne Schrauben und andere Verbindungstechnik lässt sich nach diesem Prinzip ein Bogen allein aus Hölzern zusammenstecken, die sich unter Belastung gegenseitig stabilisieren. Leonardo Da Vinci hat eine Skizze des Bauprinzips hinterlassen; daher auch der Name. Das  sollte es werden, waren sich Jugendliche und Anleiter schnell einig. Im Herzen der Ostheimer Kirchenburg, in der Kirche St.Michael, wurden also zunächst bei einem Ortstermin die Ausmaße des Bogens beraten und festgelegt. Ein Computerprogramm half, die dafür nötigen Maße der Einzelteile zu bestimmen. Dann ging es in den Sommerferien in der Gemeindescheune ans Werk: Holzplanken messen, anzeichnen, zusägen, schleifen, bohren, in Baugruppen zusammenfügen – drei sonnige Tage und viel Platz im Hof des Pfarrhauses boten beste Bedingungen. Und natürlich eine gute Verpflegung.

Schließlich stand der Bogen mit stolzen 4,20 m Länge und 180 cm Höhe sozusagen als „Rohbau“ da. Erste vorsichtige Belastungstests ergaben eine Mindesttragkraft von 80 kg. Sicherheitshalber waren in das Bauwerk unsichtbar Holzdübel eingebaut worden. Zudem wurden die Füße mit Holzlatten fixiert, um jedes Risiko der Zerlegung auszuschließen. Blieb noch die Frage der Farbgebung. Was lag näher als die Regenbogenfarben für den großen Da-Vinci-Bogen? Ist der Regenbogen doch ein uraltes biblisches Symbol, bekannt aus der Noah-Geschichte. Bunte Farbspuren auf Kleidungsstücken erinnern manche der Mitwirkenden noch heute an die gemeinsame Malaktion. Nach einem Tag Trocknungszeit konnte das fertige Konfirmanden-Kirchen-Ding dann in der ersten Augustwoche hinüber in die Kirchenburg getragen werden. Dort ruhte es erst mal in einem Nebenraum, denn die Sommerferien sorgten für eine Arbeitspause.

 

Nach Beginn des neuen Schuljahres waren alle Beteiligten wieder vor Ort. Nun ging es daran, das Ding mit geistlicher Bedeutung zu füllen. Mit Blick auf das Jahr 2020, in dem die Konfirmation der beteiligten Jugendlichen ansteht, kam die Jahreslosung in den Blick. Denn jedes Jahr wird deutschlandweit und ökumenisch ein Bibelvers ausgewählt und als Leitspruch weitergegeben. Für 2020 lautet der Vers 24 aus dem Markusevangelium Kapitel 9: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Die Beschäftigung mit diesem Bibelvers begann im Oktober 2019 und wird die Konfirmanden bis zu ihrer Konfirmation begleiten. Glaubensaussagen der Jugendlichen wurden auf Papierwolken geschrieben und in den Bogen gehängt – himmlische Symbole für den Glauben, der sich nicht machen lässt, der nicht immer gleich da ist, der sich verändert, weiterzieht, neu entsteht. Zusammen mit dem Da-Vinci-Bogen, der aus eigener Kraft hält, der nicht starr und zementiert, sondern federnd und knacksend zwei Seiten verbindet, ergibt sich ein Gesamtkunstwerk.

Es wurde pünktlich zum Kirchweihjubiläum aufgestellt, ist ein echter Hingucker und könnte so überall stehen. Für die eindeutige Bindung an den Ort „Kirchenburg in Ostheim vor der Rhön“ sorgt nun aber eine Arbeit, die zwei Konfirmanden mit Fleiß und Geschick zuhause zusätzlich angefertigt haben: das Holzmodell der Kirchenburg samt Kirche. In eindrucksvoller Größe und farblich ansprechend gestaltet steht es unter dem Bogen, unter den Wolken. Die Besucher von St. Michael in der Kirchenburg werden somit daran erinnert, dass es an diesem Ort nicht nur um historische Bau- und Dekorationskunst geht. Es geht um den Glauben und um das Vertrauen, dass der große Bogen zwischen Gott und uns Menschen trägt und schützt – auch wenn wir das nicht immer glauben.

Am 3. Advent wurde das Konfirmanden-Kirchen-Ding inzwischen der Kirchengemeinde im Gottesdienst vorgestellt. Die Konfirmanden schilderten dazu die Baugeschichte. Holzbildhauerin Kerstin Sporck, Kirchenvorstand Michael Dietz und Gemeindepädagoge Stefan Wurth trugen weitere Gesichtspunkte bei. Ein Schild hängt aber immer noch: „Achtung! Baustelle!“ Denn bis mindestens 29. März  wird weiter dran gearbeitet, wenn sich dann die Konfirmanden eine Woche vor ihrer Einsegnung in einem besonderen Gottesdienst vorstellen. Und da die Kirche tagsüber geöffnet ist, kann diese Baustelle gerne besichtigt werden. Vielleicht gibt es sogar die ein oder andere Anregung im Gästebuch der Kirche, was den Bautrupp auf neue Ideen bringt…

 

Text und Fotos: Stefan Wurth